Mai - Lebenswerke Egon Bahr

"Lebenswerke"
Wandel durch Annäherung - Egon Bahr

15. - 21. Mai 2010


Seit 2008 begegnen sich in Château d'Orion Menschen, deren Lebensweg ein besonderes Engagement auszeichnet. Menschen, die nicht müde werden auf das Wesentliche hinzuweisen, deren Ziel es ist, andere zum Denken und Handeln zu bewegen.

Begonnen wurden die "Lebenswerke" mit Hans-Peter Dürr, einem Freund und langjährigen Weggefährten des Gastes, den wir im Frühjahr 2010 erwarten.

Die erste Begegnung mit
Egon Bahr sei eine "Sternstunde" gewesen, so Hans-Peter Dürr:
"Da waren der 50jährige Willy Brandt, regierender Bürgermeister im westlichen Teil des damals hoch problematischen, viergeteilten Berlins, und sein acht Jahre jüngerer, genialer Berater Egon Bahr, die erstmals ihre 1961 begonnenen Überlegungen zu einer neuen Ostpolitik einer interessierten Öffentlichkeit vorstellten."

Die Vision des "genialen Beraters" war es, die politische Polarisierung und Ost-West-Konfrontation zu mildern und den berühmten "Wandel durch Annäherung" zu beginnen. Dies allerdings bedeutete, sich dem Osten gegenüber zu öffnen und in wechselseitigen Schritten Vertrauen zu gewinnen. Es hieß auch, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Noch heute gilt Egon Bahr zusammen mit Willy Brandt als einer der Architekten einer neuen Ostpolitik.

Als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit erkannte er sehr früh in der Entwicklungspolitik einen wesentlichen Faktor für eine weltweite Friedenspolitik; als Mitglied der Internationalen Abrüstungskommission brachte ihn die Bestandsaufnahme der praktizierten Sicherheitspolitik zum Konzept der "Gemeinsamen Sicherheit."

Um es in den Worten von Egon Bahr zu beschreiben: "Militärs denken ja, man ist sicher, wenn man stark ist. Nein, man ist sicher, wenn die anderen keine Angst vor einem haben."

Egon Bahr ist heute 87 Jahre alt und kein bisschen "leise" geworden. Im entscheidenden Wahljahr 2009 hat er sich immer wieder zu Wort gemeldet. Sein konzeptionnelles Denken und seine Antworten zu aktuellen Themen wie Arbeit, Bildung und Integration waren gefragt.



Es freut uns sehr, dass aus der Begegnung mit Hans-Peter Dürr ein spannendes Buch entstanden, das jetzt im Buchhandel erhältlich ist:
Warum es ums Ganze geht- Neues Denken für eine Welt im Umbruch
Hrsg: Dietlind Klemm und Frauke Liesenborghs, Oekom-Verlag, 19.95 Euro

 


Lebenswerke 2008

Tage unter Bäumen.....

Eine Begegnung mit dem Alternativen Nobelpreisträger Hans Peter Dürr (79)
von Dietlind Klemm

Wochen vorher hatte er mir einmal gestanden, dass er es müde sei, immer nur von Vortrag zu Kongreß, von Workshop zu Seminar zu reisen: zwei Stunden Vortrag, drei Fragen – weiter.

Fünf Tage, um miteinander zu reden, zu lachen, zu streiten, neue Fragen aufzuwerfen und alte zu klären - welch ein Luxus!

Und nun war er da, ein freundlicher Herr mit einem grauen Lockenkopf, schmal, ein wenig gebeugt. Der erste Eindruck: wenn er zuhört, lauscht die ganze Person, wenn er lacht, strahlt sein ganzes Gesicht.

Zehn Gäste sollten mit ihm diese Tage im August verbringen, am Tisch, im Seminarraum, beim Essen, abends im Salon, bei Spaziergängen - und unter der riesigen Platane vor dem Haus. Manchmal, wenn wir ihm zuhörten, schweiften unsere Blicke hinaus in die Landschaft, bis weit hinüber zu den Pyrenäen, die jeden Tag anders aussahen; das Wetter hat hier so viele Facetten! Und auch Hans Peter Dürr genoss es sichtlich, unter dem schattenspendenden Baum noch einmal zurückzuschauen: auf seine Kindheit, die mit zehn Jahren bei Kriegseintritt 1939 jäh zu Ende war, auf die letzten Kriegsjahre, in denen auch die 15jährigen noch zum Volkssturm eingezogen wurden. Auf sein Lebensgefühl nach dem Krieg: Ich traue niemandem mehr!

Der lange Weg des kleinen Jungen aus dem Schwäbischen zu einem der renommiertesten Atomkraftgegner, Friedensaktivisten umd Umweltmahner geht über 30 Jahre, dazwischen liegen Preise, Auszeichnungen und Ehrungen (vom Alternativen Nobelpreis 1987 bis zum Ehrenbürger der Stadt München 2008), Dispute mit Politikern und Wirtschaftsvertetern.

Heute hat Hans Peter Dürr eine weltweite „Fan“-Gemeinde.

Das Geschenk für uns in Orion war, an diesem Weg teilzuhaben, zu sehen, wie sich einer treu geblieben ist. Treu vor allem dem Credo von Hannah Ahrendt, das sie in Berkley dem jungen deutschen Studenten mit auf den Weg gegeben hatte: wenn Unrecht geschieht, darfst du es nie hinnehmen, du mußt dich immer einmischen. Das ist über 50 Jahre her und Hans Peter Dürr mischt sich noch immer ein.

     
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